Fucking Brainless the Second

Fernsehserie als Form: Du kannst Handlungsstränge beginnen, andeuten und dann einfach sterben lassen, als ob sie vergessen wären, wie im echten Leben natürlich auch. Nicht alles, was in der Welt passiert, hat Konsequenzen – könnte aber welche haben. Genau das geht im Kinofilm nicht, weil nicht genug Zeit zur Verfügung steht und deswegen jedes Detail die Handlung vorantreiben muss. Alles andere wäre Verschwendung und würde im Kinofilm als geschlosssener Form auch so wirken: überflüssig. Insofern ist die Fernsehserie viel realistischer als der Kinofilm und deswegen fühlen sich Kinofilme für uns inzwischen fast immer unglaubwürdig an. Wie eine tote Gattung.

Weiterer Vorteil von Fernsehserie: es ist tatsächlich egal, wie die Geschichte ausgeht. Man ist zwar gespannt, wie es ausgeht, wie es weitergeht, der Cliffhanger ist einer der wichtigsten dramaturgischen Kniffe der Fernsehserie, aber eigentlich weiß jeder, der schon einmal eine Season durchgeschaut hat, dass der Ausgang eines Handlungsstrangs absolut unwichtig und letztlich beliebig ist, es könnte genausogut anders ausgehen oder eben in der nächsten Folge/Season weitergehen. Dass der Ausgang immer enttäuschend ist und sein muss. Dass das aber in der Fernsehserie im Unterschied zum Kinofilm kein Fehler, sondern Bedingung der Form ist. Interessant ist dabei allerdings, dass man trotzdem, während man die Serie schaut, dem Ausgang ungeheure Bedeutung beimisst. Alles wie im echten Leben.

Gegenbeispiel Dexter: Hier gibt der Schluss der gesamten ersten Season eine neue Bedeutung und emotionale Tiefe. Eigentlich ein perfekter Filmschluss, der im Kino aber weniger glaubwürdig, weil zu konstruiert wirken würde. In der Fernsehserie ist es dagegen überraschend, dass eine gute, aber nicht überragende Season im Schluss noch einmal komplett gedreht wird. Nichts deutet in den ersten Folgen darauf hin, dass die Serie so weit über das normale Serienkiller-Schema hinauswachsen wird.

Auch das ein Merkmal von Fernsehserien: Du kannst Dir auch Schwächen erlauben, vielleicht sind sie sogar notwendig, um der Serie als Ganzes eine größere Fallhöhe zu geben. Qualitätsschwankungen tragen dazu bei, das Interesse wach zu halten. Zu viel offensichtliche Qualität ist gar nicht wünschenswert.

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