Perfektion

nip/tuck: weil die Fernsehserie so viel Zeit hat, kann sie es sich erlauben, Personen differenziert zu zeichnen, das Gute im Bösen und umgekehrt betonen, aber auch zeigen, dass Handlungen nicht grundsätzlich gut oder böse sein müssen. Alles, was für einen Moment gut aussieht, kann im nächsten Moment ins Böse kippen. Dito Personen. Dabei geht es ohnehin nicht um Innerlichkeit, sondern um Handlungen. Und man könnte sagen, ein Charakter definiert sich nicht so sehr über sein Innenleben, als über seine Handlungen. Oder, wenn man so will, das Innenleben ist Teil seiner Handlungen, nicht umgekehrt. Und für Handlungen ist die Fernsehserie das perfekte Medium. Weil sie soviele davon unterbringen kann. Hier tatsächlich: mehr ist mehr.

Motive und Handlungen: Komplexer Charakter

Touch of Evil/Mr. Arkadin: unvollendete, nicht abgeschlossene oder in mehreren Versionen vorliegende Filme können allein dadurch, dass man WEISS, dass sie auch anders sein könnten, dass man WEISS, das sie nicht in einer endgültigen Fassung vorliegen, ähnliche Qualitäten wie eine Fernsehserie entwickeln: dass man ihnen Schwächen verzeiht, von denen man annimmt, dass sie in einer endgültigen Fassung behoben worden wären, dass diese Schwächen aber auch den Film in seiner unabsichtlichen Heterogenität interessant machen, dass aus dem nicht zu Ende geformten Material eine Rauheit entsteht, die sonst nicht denkbar wäre, und dass der Film in all dem über die Fassung, die wir sehen, hinausweist. Er ist in gewisser Weise mehr, als wir sehen.

Gilt natürlich nicht für jeden Film, der nicht fertiggeworden ist.

Entscheidend könnte hier das Unabsichtliche sein, das nicht Ausgeformte, dass das Nicht-Gewollte interessanter ist als das Gewollte, dass die nicht zu Ende gebrachte Entscheidung interessanter ist als die durchgeführte, und letztlich, dass die volle Kontrolle in der Kunst nicht unbedingt erstrebenswert ist. Wobei geplante Leerstellen natürlich genau so langweilig sind wie ausgefüllte Leerstellen. Die Fehler müssen echte Fehler sein, der Produzent muss so mit seiner Arbeit umgehen, dass Fehler als echte Fehler erkennbar bleiben.

Das ist natürlich in der Fernsehserie leicht zu erreichen: Man denkt immer die ökonomische Begrenztheit der Produktion mit, selbst dann, wenn man sie dem Material nicht ansieht. Oder anders gesagt: Während im Kinofilm Perfektion vorausgesetzt wird und an sich langweilig ist, ist sie in der Fernsehserie ein Triumph, ein Sieg gegen die Produktionsbedingungen, gegen die Form Fernsehserie, und trägt noch spürbar die überwundene Imperfektion in sich.

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